Wort zum Monat Juli 2021

Gedanken zur Bibelstelle

Apostelgeschichte 17,27

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir

Apostelgeschichte 17,27


Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freunde!

Eifrige Bibelleser können diesen Vers wahrscheinlich schnell zuordnen: Er stammt aus der Rede des Paulus auf dem Aeropag in Athen vor einem philosophisch interessierten Publikum. Paulus ist bemüht einen Anknüpfungspunkt im Denken der Athener zu finden, von dem aus er ihnen die Botschaft von Jesus Christus nahe bringen kann. Dabei bedient er sich eines Gedankens, den er von dem antiken Dichter und Philosophen Aratos von Soloi (ca. 310 - 245 v. Chr.) entlehnt. Dieser stammte aus einem Ort nur ca. 20 km von Paulus' Heimatstadt Tarsus entfernt und hatte einst u. a. in Athen Karriere gemacht. Sein bekanntestes Werk, die "Phainomena", zu Deutsch "(Himmels-) Erscheinungen", erläutert in 1154 Hexametern den Sternenhimmel und ist der Grund für viele heute noch gebräuchliche Bezeichnungen von Sternbildern. Die Eingangsverse zu seinem Lehrgedicht, das damals bereits von Cicero und anderen römischen Schriftstellern ins Lateinische übersetzt worden war, also unter Gebildeten allgemein bekannte Literatur war, klingen auf Deutsch etwa so:

"Mit Zeus beginnen wir. Denn, Freunde, 

schweigen soll von Zeus nie unser Wort. 

Von seiner Gottheit voll ist jeder Weg, 

der Markt, das Meer und sein Gestade 

- allgegenwärtig nährt uns alle seine Gnade.

Denn sein Geschlecht sind wir."

Paulus ist sich also nicht zu schade, diese Lobverse auf Zeus umzudeuten auf den jüdischen Schöpfergott.

Der entscheidende Punkt ist: Paulus behauptet, dieser Schöpfergott ist allen Menschen nicht fern, sondern demnach nahe! Das finde ich bemerkenswert. Denn Paulus hätte ja auch anders argumentieren können: Weil ihr Griechen, im Gegensatz zu uns Juden, überhaupt keine Ahnung vom Schöpfer des Himmels und der Erde habt, und weil ihr unter Verstoß gegen das erste und zweite Gebot menschengemachte Götzenbilder als Götter verehrt, seid ihr von diesem Gott sehr weit weg. Allein schon diese Sünden trennen euch von Gott in für euch unüberbrückbarer Weise. Ihr seid von Gott getrennte Sünder!

Das ist doch biblisch völlig richtig und wäre eine klare Ansage gewesen. Stattdessen bemüht Paulus eine theologisch etwas fragwürdige Analogie zu einem griechischen Philosophen, um seinen Zuhörern genau das Gegenteil zu sagen: Gott ist euch nahe.

Wenn man den Vers im Zusammenhang liest, erkennt man, dass Paulus den anderen Gedanken nicht völlig unterschlägt; aber sein Ansatz ist es erst einmal seine Zuhörer dort abzuholen, wo sie gedanklich stehen. Er begreift seine Zuhörer als Menschen, die auf der Suche nach Gott sind. So deutet er auch den Altar für den unbekannten Gott, den er auf seinem Stadtrundgang entdeckt habt. Und so lobt er sie indirekt für ihre Suche nach Gott. Freilich nennt er sie auch Unwissende, sie, die Athener, die doch so wissbegierig sind. Und er führt sie auf eine Spur: Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, muss doch viel größer sein, als dass er ihn einem menschengemachten Tempel wohnen müsste. Und wenn er alles, wirklich alles, geschaffen hat, dann ist er doch nicht von unseren Opfergaben abhängig. Und er lädt sie ein umzudenken. Gott hat ein Angebot für euch. Es ist der Glaube an einen Mann, der erstens von Gott als Richter festgesetzt wurde und zweitens von den Toten auferweckt wurde. Hey! Wenn das wahr ist, dann sollte man hören, was Paulus sonst noch über diesen Mann zu berichten weiß. Einige lassen sich auf diese Gedanken ein, andere spotten darüber.

Ich begreife diesen Monatsvers als Anfrage an mich. Wie denke ich über meine Mitmenschen? Kann ich ihr Bemühen erkennen, Gott zu finden, ihn kennenzulernen? Finde ich einen Weg an ihr Denken anzuknüpfen? Kann ich ihnen eine gedankliche Brücke bauen, die sie einlädt über Gott ganz neu nachzudenken? Gelingt es mir, ihr Interesse zu wecken? Gelingt es mir dann auch, sie auf Jesus Christus hinzuweisen?

Liebe Leser, ist dieser Vers auch für euch eine Herausforderung? Wollt auch ihr euch darauf einlassen, euch ganz neu mit dem Denken der heutigen Menschen zu beschäftigen und einen Weg zu finden, der von ihrem Denken zu Jesus Christus führen kann? Das wäre wunderbar. Vielleicht ist dann eine der Oikos-Gruppen eine weitere Möglichkeit für eure Bekannten, Jesus noch näher kennenzulernen.

Euer Kai Wilhelm