Jahreslosung 2020

Gedanken zur Jahreslosung 2020 aus Markus 9, 24

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.  (Markus 9,24)

Eine Besinnung von Pastor Frank Wegen.

Kurz und bündig ist sie, die neue Jahreslosung für 2020.

Kein Gotteswort. Kein Wort Jesu. Kein Prophetenwort. Sondern Worte eines Unbekannten. Er wird vom Evangelisten Markus lediglich beschrieben als ´einer aus dem Volk`. Irgendeiner. Irgendeiner, der Jesus anspricht. Und seine Worte, die er an Jesus richtet, sind unsere neue Jahreslosung. Ungewöhnlich!

Es geht darin um zwei Dinge: Glaube und Unglaube. Zwei Dinge, die sich doch eigentlich diametral gegenüber stehen. Gegensätze. Glaube und Unglaube.

Glaube – das ist ein schillernder Begriff, der mehrere Seiten hat.

In unserer Umgangssprache heute meint man mit Glaube oft eine sehr subjektive Vermutung: Ich glaube, morgen regnet es. Ich glaube, diesen Winter bekommen wir keinen Schnee mehr. Eine bloße Vermutung. Manchmal mehr und manchmal weniger begründet. Um diese Art von Glauben geht es hier nicht.

Dann gibt es eine andere Ebene. Die ist für uns wichtig: Glaube als eine Überzeugung, dass bestimmte Dinge oder Inhalte wahr sind. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen … und an Jesus Christus usw. Damit bringen wir zum Ausdruck: Der Existenz Gottes als des Vaters und des Allmächtigen bin ich gewiss. Daran glaube ich. Glaube also, der sich von bestimmten Inhalten her füllt. Schon früh hat man in der Christenheit begonnen, diese Inhalte präzise zu formulieren, nämlich in der Form von Glaubensbekenntnissen. Das hat man unter anderem getan, um sich gegen Irrlehren abzugrenzen und einen Konsens zu formulieren, was denn nun der Inhalt des Glaubens sei: Der Glaube an den dreieinen Gott- den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Glaube hat einen konkreten Inhalt. Wir reden nicht über Glauben so ganz allgemein. Wir reden nicht über Glauben an Schicksalsmächte, an die Vorsehung oder was auch immer. Wir glauben an den dreieinen Gott. Glaube also, bei dem es um eine feste Überzeugung und Gewissheit im Blick auf die Wahrheit bestimmter Inhalte geht: Ich glaube an! Das ist ein wichtiger Aspekt von Glauben, aber auch um diesen Aspekt geht es hier nicht oder zumindest nicht vorrangig.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt von Glauben. Am ersten Abend eines jeden Alphakurses steht der Satz: Im Zentrum des christlichen Glaubens steht nicht eine Lehre, sondern eine Person – Jesus Christus. Der christliche Glaube besteht nicht einfach aus Inhalten, die halt zu akzeptieren sind – siehe Glaubensbekenntnis -, sondern er besteht aus der Beziehung zu einer Person, zu Jesus Christus. Und das Wort, das das Neue Testament hierfür verwendet, macht das sehr schön deutlich, denn es bedeutet gleichermaßen glauben und vertrauen. Glauben ist also Ausdruck für ein tiefes Vertrauen, das ich in eine Person habe. Ein Beziehungsbegriff. Ich vertraue Gott. Ich vertraue Jesus. Mit diesen Worten beschreibe ich meine Beziehung zu ihm. An jemanden zu glauben heißt, sein Vertrauen in ihn zu setzen. In unserer deutschen Sprache formulieren wir das manchmal so: Du schaffst das, ich glaube an dich! Ich vertraue ganz fest darauf, dass du das schaffst!

Glaube als ein Beziehungsbegriff – voller Vertrauen lege ich mein Leben in Gottes Hände. Lasse mich ein auf ihn. Wage den Sprung in seine Arme. Christlicher Glaube ist also nicht nur das Akzeptieren bestimmter Inhalte, sondern bedeutet, dass ich Ihm mein Herz gebe. Mein Leben in seine Hände lege. Wenn ich meiner Tochter den Autoschlüssel gebe und sage: Fahr du!, dann lege ich mein Leben sozusagen in ihre Hände. Ich würde es nicht tun, wenn ich es ihr nicht zutrauen, wenn ich ihr nicht vertrauen würde, dass sie mich sicher von A nach B bringen kann.

Glaube ist Vertrauen. Vertrauen in Gott. Vertrauen in seine wohlwollende Gegenwart. In sein Zugewandt Sein. In seine Gnade und Barmherzigkeit. Das Maß aller Dinge ist für uns nicht das, was wir können oder auch nicht. Das Maß aller Dinge ist nicht unsere Sicht der Dinge. Wir vertrauen Gott. Glaube ist Vertrauen. Ausdruck einer Beziehung. Das ist entscheidend. Ich kann all die Dinge des Heils für wahr halten und trotzdem nicht glauben – in einer Vertrauensbeziehung mit Jesus leben.

Umgekehrt kann ich an manchen Stellen intellektuelle Zweifel haben: Hat Jesus wirklich Wasser in Wein verwandelt? Ich habe Zweifel und dennoch glaube ich, vertraue ich Jesus im Blick auf meine Leben und binde es fest an ihn. Ich glaube!

Aber dann gibt es eben auch diese andere Seite: dass dieses Vertrauen angefochten ist. Dass wir nicht sagen können: Jetzt haben wir es, hundert Prozent, für alle Zeiten. Im selben Augenblick, wo wir sagen: Ich glaube! Ich vertraue dir! Im selben Augenblick meldet sich tief im Hinterkopf eine Stimme, die sagt: Ach, wirklich? Ist dieses Vertrauen denn gerechtfertigt oder bin ich naiv? Man wagt Vertrauen und denkt gleichzeitig: Ob das wirklich gut geht?

Damit sind wir bei dem anderen Begriff: Unglaube. Ein hässliches Wort, finde ich. Es hat nämlich in den letzten Jahren einen hässlichen Beiklang bekommen, von Ungläubigen zu reden. Im Munde radikaler Kräfte bedeutet ungläubig so viel wie unmoralisch, verabscheuungswürdig und am besten mit Stumpf und Stiel auszurotten. Aber darum geht es bei diesem Begriff gar nicht. Ungläubige können ausgesprochen liebenswerte Menschen mit hohen ethischen Maßstäben und Werten sein und darin für manche Gläubige geradezu ein Vorbild. Aber was sie eben von Gläubigen unterscheidet, ist: Sie vertrauen Jesus nicht. Unglaube ist zunächst einfach ein Nicht-Vorhandensein von Vertrauen. Keine vertrauensvolle Beziehung zu Gott. Distanz. Vielleicht auch Ablehnung. Unglaube. Mit diesem Begriff ist nichts über die ganz menschlichen Qualitäten gesagt.

Glaube und Unglaube. Zwei Begriffe, die sich gegenüber stehen.

In unserem Bibelwort werden sie nun quasi in einem Atemzug genannt. Glaube und Unglaube gleichzeitig: ´Ich glaube; hilf meinem Unglauben!` Gesprochen von einem Unbekannten. Einer aus dem Volk. Einer, der es nicht leicht hat. Sein Sohn wird von einem heftigen Anfallsleiden heimgesucht. Und das von Kindheit an. Einer, der schon große Enttäuschungen hinter sich hat. Er hatte sich in seiner Not an die Jünger Jesu gewandt, aber die waren offenbar überfordert. Endlich kommt der Meister selber und nun wendet er sich an ihn: ´Wenn du etwas kannst, so hab Erbarmen und hilf uns!` Zu oft ist er wohl schon enttäuscht worden. Und jetzt macht Jesus ihm deutlich: Mein Können sollte wohl nicht das Problem sein. Aber hier geht es nicht um mein Können, hier geht es um Glauben. ´Dem Glaubenden ist alles möglich!`

Haben wir das jetzt gerade richtig verstanden? Will Jesus ihm wirklich sagen: Die Heilung deines Jungen, die hängt gar nicht von mir und meinem Können ab, die hängt von dir ab. Von deinem Glauben. – Haben die recht, die sagen, wer nur richtig betet und glaubt, der wird gesund? Wieviel Glaube würde man denn benötigen, damit der Junge gesund werden würde? Und wie misst man das? Nach welchen Qualitätsmerkmalen? Wenn ein Mensch beginnt, Glauben zu messen, wird er – wenn er ehrlich zu sich selber ist – vermutlich immer zu dem Schluss kommen, dass der Glaube nicht ausreicht.

Der Mann in dieser Begegnung – so schildert es Markus im Evangelium – ruft es laut aus und einige alte Überlieferungen ergänzen: unter Tränen: Ich glaube! Ja, er traut es Jesus zu, dass er hilft. Wenn nicht er, wer dann? Ja, er setzt sein Vertrauen in Jesus, dass der die Not wenden, dass er Hilfe und Heil, neues Leben schenken kann. Es keimt dieses Vertrauen in ihm auf: Ich glaube! Und im selben Augenblick wird seine Zerrissenheit deutlich: Hilf meinem Unglauben! Ich möchte dir gern mein ganzes Vertrauen schenken, weil ich weiß, dass du es wert bist – und gleichzeitig poppen da Fragen hoch und Zweifel. Ich glaube. Hilf meinem Unglauben. Trotz allem wendet er sich an Jesus. Ausdruck des Vertrauens. Des Vertrauen Wollens. Glaube und Unglaube, Vertrauen und Zweifel zugleich. Ich gebe meiner Tochter den Autoschlüssel und vertraue ihr und im selben Moment denke ich: Und wenn doch etwas passiert? Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Das ist doch viel ehrlicher und authentischer als ein vollmundig bekundeter Glaube, der sich nur nicht traut zuzugeben, dass da vielleicht doch auch Fragen zurückbleiben.

Wie ist die Geschichte denn damals weiter gegangen? Hat der Glaube des Vaters gereicht? Hat der Glaube die Heilung bewirkt? Nein. Es war Jesus, der die Heilung bewirkt hat. Und er ist nicht mit dem Messbecher gekommen um zu schauen, ob der Glaube reicht. Es geht ihm nicht um den Heldenglauben, der über alle Zweifel erhaben ist. Es reicht dieser Funke Vertrauen, der sich inmitten von bangen Zweifeln und Fragen ihm anvertraut. Es reichen dieser glimmende Docht und dieses kleine Senfkorn. Es reicht, dass dieser Mann seine eigene Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit vor Jesus eingesteht. Erst, wo die Ohnmacht eingestanden wird, entfaltet der Glaube seine Kraft als Gotteskraft. Wer sich sein Nicht-glauben-können eingesteht und genau dabei an Jesus festmacht, der glaubt! Und egal, wieviel unser Glaube noch zu wünschen übrig lässt, Jesus wird niemanden fortschicken, der sich bei ihm festmachen will. Ich glaube; hilf meinem Unglauben.

Was wird das neue Jahr bringen? Welche Herausforderungen erwarten uns? Manches werden wir schon wissen oder ahnen. Anderes wird uns im Laufe des Jahres begegnen. Welche Rolle spielen dabei unser Glaube und das Vertrauen, das wir in Gott setzen?

Das Bibelwort, das uns durch dieses neue Jahr begleiten will, fordert uns heraus und lädt uns ein, uns in all den unterschiedlichen Situationen, die kommen werden, mit unserem Vertrauen immer neu auf Ihn zu werfen und uns in aller Schwachheit unseres Glaubens an Ihm festzumachen. In den persönlichen Dingen. Und auch in den Dingen, die uns als Gemeinde betreffen. Unser Glauben und unser Nicht-glauben, beides Ihm hinhalten und von Ihm Umschließen lassen. Denn wohin sonst sollten wir gehen, wenn nicht zu Ihm, Christus, dem Herrn?