Wort zum Monat Mai

Gedanken zur Bibelstelle Hebräer 11, 1

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

(Hebr 11,1)

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freunde!

"Wer braucht schon Glauben?" Diese Überschrift fanden Leser der Erlanger Nachrichten Mitte April auf der Titelseite der Beilage "Magazin am Wochenende". Zwei Autoren legten ihre verschiedenen Standpunkte dar. Ich will die Artikel hier nicht wiedergeben, aber vielleicht etwas zur Statistik: Auf dieser Seite kam 23-mal ein Wort mit der Wurzel "religi*" vor, 12-mal eines mit "glaub*", 11-mal mit "christ*" und 10-mal mit "gott*". Mich hat keiner der beiden Standpunkte angesprochen, denn von Glauben habe ich bei beiden wenig verspürt, dafür aber viel von Religion. Offenbar sind viele Menschen heutzutage hoffnungslos religiös, aber nur wenige hoffnungsvoll gläubig.

Was ist Glauben? Ist es ein Vermuten, so wie in der Aussage "Ich glaube, es regnet heute noch."? Oder ist es das Für-wahr-halten unbewiesener und unbeweisbarer Behauptungen, z. B. dass es Engel gibt? Oder ist es gar das Auswendiglernen und Aufsagen eines Bekenntnisses, wie z. B. das Apostolische Glaubensbekenntnis? Der Bibelvers für diesen Monat gibt eine eigene Definition von Glaube.

Die Elberfelder Bibelübersetzung formuliert unseren Vers so: "Der Glaube aber ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht." An dem Wörtchen "hofft" und an der Formulierung "nicht sieht" wird deutlich, dass es beim Glaube in der Tat um etwas geht, das man noch nicht in den Händen hat, das eben nicht für alle offensichtlich und zweifelsfrei bewiesen ist. Es ist aber eine "feste Zuversicht" (Luther) oder "Wirklichkeit" (Elberfelder), was ausdrückt, dass Glaube einen festen Halt gibt, eine Sicht nach vorne schenkt und eine Wirkung entfaltet. Glaube ist also mehr als eine bloße Vermutung und auch mehr als ein Für-wahr-halten. Glaube hat Konsequenzen. Ich will das an einem simplen Beispiel verdeutlichen. Zwei Wanderer sitzen in einer Blockhütte, deren Dachstuhl Feuer gefangen hat. Beide riechen Brandgeruch und hören ein Knistern. Der eine sagt: "Ich glaube, die Hütte brennt" - und bleibt sitzen. Der andere sagt dasselbe - und rennt raus. Viele Menschen sagen, dass sie an Gott glauben, aber nur wenige sind interessiert oder bemüht ihn kennen zu lernen.

Damit bin ich bei einem weiteren Punkt. Christlicher Glaube hat einen Personenbezug. Die Grundbedeutung des Wortes im griechischen Text für "Glaube" ist "Vertrauen, Treue". Auch das deutsche Verb "glauben" hat etwas mit den Wörtern "geloben" und "verloben" zu tun. Deshalb übersetze ich "glauben" für mich gerne mit "sich jemandem anvertrauen", nicht im Sinne von "jemandem ein Geheimnis mitteilen", sondern als "jemandem etwas (in diesem Fall sich selbst) anvertrauen". Der Schreiber des Hebräer-Briefes bleibt nicht bei Vers 1 stehen, sondern entfaltet in dem ganzen elften Kapitel anhand vieler Beispiele was Glaube bedeutet. Und dabei wird deutlich, dass für ihn "Gott" der Jemand ist, dem sich die Glaubensvorbilder anvertraut haben. Glaube ist also das Vertrauen zu Gott, den man nicht sieht und den man nicht in der Hand hat, aber umgekehrt, in dessen Hand man sích bergen kann. Während Adam und Eva selbst wie Gott sein wollten und sich damit von ihm lösten, erkennt im Neuen Bund der Glaubende diesen Irrtum und sagt Ja zu seinem Angewiesensein auf seinen Schöpfer. Im Vertrauen auf Gottes Gnade finden wir den Weg zurück zu Gott, der wie ein liebender Vater auf uns wartet.

An mehreren Stellen beschreibt die Bibel diese Haltung so: "Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan." Wer nicht glaubt, der bittet nicht, sucht nicht und klopft nicht an. Wozu auch? Ohne Zuversicht und voller Zweifel macht das keinen Sinn. Aber der Glaubende erwartet voller Zuversicht Gottes Gabe, hofft fest darauf zu finden und zweifelt nicht, dass Gott auch ihm die Tür öffnet.

Wer braucht also schon Glauben? Wir alle brauchen Glauben! Wir brauchen ihn nicht als etwas Funktionales. Wir brauchen ihn nicht als Mittel gegen Angst, nicht als schönes Brauchtum und nicht als Flucht vor der Realität. Wir brauchen Glaube, weil wir Menschen Beziehungswesen sind. Ohne das sich "einem anderen anvertrauen" wären wir längst ausgestorben, denn im Vertrauen zueinander finden zwei Menschen so zusammen, dass in dieser Geborgenheit neues Leben entstehen kann. Und nur im Vertrauen auf Gottes Liebe zu uns, die sich in Jesu Kommen, Tod und Auferstehung gezeigt hat, finden wir das neue Leben, das Gott für uns bereithält. Jeder braucht Glaube. Manche wissen es nur nicht und manche wollen es auch nicht wissen. Wer ist bereit diesen Menschen behutsam und doch herausfordernd zu sagen: Gott hat sich in Jesus uns Menschen anvertraut. Bist du Mensch bereit, dich Gott anzuvertrauen?               

Euer Kai Wilhelm