Wort zum Monat Juni

Gedanken zur Bibelstelle Hebräer 13, 2

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

(Hebr 13,2)

 

Liebe Geschwister,

es war am äußersten Zipfel der Bretagne. Wir hatten eine kleine Baptistengemeinde in der Nähe unseres Urlaubsortes ausfindig gemacht, deren Gottesdienst wir besuchen wollten. Wir waren zeitig da, setzten uns in eine der Stuhlreihen und beobachteten, wie nach und nach die Gottesdienstbesucher kamen. Mit zu den ersten gehörte eine ältere Dame, die mit einem Korb hereinkam. Sie sah uns da sitzen, kam strahlend auf uns zu wie zuvor auch schon andere Leute und begrüßte uns. Aber nicht nur das: Sie griff in ihren Korb und schenkte uns ein Glas selbstgemachte Brombeermarmelade!

Eine im Grunde genommen kleine Geste mit großer Wirkung! Uns hat das damals sehr berührt. Ich gebe ehrlicherweise zu: Ich kann mich nicht mehr erinnern, worüber in dem Gottesdienst gepredigt wurde oder welche Lieder gesungen wurden. Aber diese Geste der Gastfreundschaft hat sich mir eingeprägt.

Unser Monatsspruch für Juni legt uns die Gastfreundschaft ans Herz. Er hat dabei nicht Privathaushalte mit Kaffeekränzchen im Blick, sondern richtet sich an die Gemeinde. Vergesst die Gastfreundschaft nicht! Kenner des Hebräerbriefes wissen, dass die Gemeinden, die ihn bekommen hatten, im Glauben schon ein wenig müde geworden waren. Routine hatte sich breit gemacht und die „Glaubenstemperatur“ hatte sich abgekühlt. Deshalb erreicht die Gemeinden die Aufforderung: Vergesst nicht! Und zwar nicht, weil die Gemeindeglieder aufgrund ihres vorgerückten Alters vergesslich geworden wären … Nein, hier ist gemeint: Vernachlässigt die Gastfreundschaft nicht. Es gibt ja so viele andere Dinge, die wichtig sind. Und so viele andere Leute in der Gemeinde, denen ich mich gerade jetzt zuwenden will. Nein: Vergesst die Gastfreundschaft nicht!

Das Entscheidende aber kommt noch. Denn bei dieser Aufforderung zur Gastlichkeit und Gastfreundschaft an die Gemeinde geht es nicht um liebe Freunde, die man immer wieder gern willkommen heißt und auf einen Kaffee einlädt. Nein, hier geht es um unbekannte Fremde!

Das Wort, das in unseren Bibeln mit Gastfreundschaft übersetzt wird – philoxenia – bedeutet wörtlich eigentlich "Fremdenliebe"!

Im Text geht es unmittelbar vorher um die Bruderliebe, also die Liebe zu denen, die uns vertraut sind. Jetzt geht es um die Liebe zu denen, die uns fremd sind! Wenn damals Menschen auf Reisen waren, waren sie unter Umständen schnell darauf angewiesen, Gastfreundschaft in Anspruch nehmen zu können. Gastfreundschaft, die man ihnen gewährte, obwohl man sie gar nicht kannte. Herzliche Aufnahme und Fürsorge. Wir merken, dass Gastfreundschaft zuerst eine Sache des Herzens ist und – noch einmal mit Blick auf das Beispiel vom Anfang – schon kleine Gesten große Wirkung haben können. Wo sie ehrlich gemeint sind und von Herzen kommen.

Gastfreundschaft – ein offenes Herz und eine offene Tür für Fremde, das ist ein Wesenszug christlicher Gemeinde. Menschen im Blick. Gemeinde, die Menschen willkommen heißt, ihnen Gemeinschaft anbietet und das Evangelium mit ihnen teilt. Darin – ist die Botschaft unseres Monatsspruchs – mögen wir nicht nachlassen und nicht müde werden.

Und wo das immer wieder geschieht und Gastfreundschaft gelebt wird, so unser Text, kann es sogar sein, dass wir Engel (wörtlich: Bote, Abgesandter) beherbergt haben! So wie schon vorzeiten Abraham, der Besuch von drei Männern bekam (Gen18) und erst nach und nach begriff, dass hier Gott selber seine Boten zu ihm gesandt hat, nachdem sie schon wieder weg waren. Am Ende war er, der den Männern seine Gastfreundschaft anbot, der Gesegnete! Hätte er sie nicht aufgenommen, wäre ihm Gottes Verheißung entgangen.

Das Bibelwort hat nichts an Aktualität eingebüßt und fordert auch uns heute noch auf: Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

 Euer Frank Wegen