Jahreslosung 2017

Gedanken zur Jahreslosung 2017 aus Hesekiel 36,26

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. (Hesekiel 36,26)

Das alte Jahr liegt hinter uns mit den Themen und Ereignissen, die es mit sich gebracht hat. Für viele Menschen werden die Fragen drängender: Wo kann ich noch sicher sein? Wir erleben eine tiefe Wahrheitskrise: Wem kann ich im Zeitalter von Fakenews noch glauben? Wir spüren, dass für Christen härtere Zeiten anbrechen – auch in unserem Land.

Worüber wir weniger reden: Dass es uns insgesamt wirtschaftlich nach wie vor gut geht und wir in stabilen politischen Verhältnissen leben, dass wir ausgezeichnete Bildungsmöglichkeiten und ein Gesundheitswesen auf hohem Niveau haben. Das unterscheidet uns von der Mehrheit der Weltbevölkerung.

Auch im persönlichen Bereich hat jeder seine Erfahrungen gemacht und Erlebnisse gehabt. Und nicht zuletzt auch für uns als Gemeinde war es ein gefülltes Jahr. 

Das alles ist der Boden, von dem aus wir in das neue Jahr starten und wir fragen nach einem Wort Gottes, das uns auf diesem Weg durch das neue Jahr begleiten soll.

Seit 1930 gibt es die sogenannte Jahreslosung. Sie ist immer das erste Bibelwort, das für uns am Anfang eines neuen Jahres steht. Und so wie wir auf einem bestimmten Boden stehen, von dem aus wir in das neue Jahr gehen, so steht auch dieses Bibelwort auf einem bestimmten Boden und ist eingebettet in den Zusammenhang des Lebens. Um zu verstehen, was dieses Bibelwort für uns heute bedeuten kann, müssen wir uns diesen Boden und diesen Zusammenhang anschauen.

Hesekiel ist vielen Bibellesern nicht so bekannt, obwohl sein Buch zu den längsten der Bibel gehört. Hesekiel lebte und wirkte in einer bedeutsamen Epoche der Geschichte des Gottesvolkes und war eigentlich – ein Priester. Hesekiel war Priester, aber wir lernen ihn nicht kennen als einen, der am Tempel in Jerusalem seinen Dienst verrichtete. Als Priester gehörte er gesellschaftlich zur führenden Schicht des Volkes und damit auch zu denen, die als erste in die Kriegsgefangenschaft nach Babylon deportiert wurden. Und das schon zehn Jahre vor der endgültigen Zerstörung Jerusalems (587 v.Chr.). Nicht jedem ist bewusst: Bereits zehn Jahre vor der Zerstörung Jerusalems fiel der babylonische König Nebukadnezar in Jerusalem ein, machte viele Gefangene und deportierte vor allem die Oberschicht nach Babylon. Hesekiel war bereits bei dieser ersten Deportationswelle dabei.

Vier Jahre nach seiner Deportation bekommt er den Ruf Gottes, als sein Sprachrohr zu wirken. Er wird aus der Ferne die Nachrichten von der Zerstörung Jerusalems mitbekommen. Er wird quasi die Massen empfangen, die jetzt neu in den Internierungslagern in Babylon ankommen und von den Ereignissen in Jerusalem schwer traumatisiert sind. So viel Gewalt. So viel Zerstörung. So viele Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und jetzt tausende von Kilometern weit weg auf heidnischem Boden leben mussten. Ohne Tempel ihren Glauben nicht mehr richtig leben konnten.

Glaube in der Krise. Viele offene Fragen. Keine Lösung in Sicht. Das lässt mich ein bisschen auch an unsere Situation heute denken. Wir nehmen ganz viel Ohnmacht und Hilflosigkeit wahr. Wie sollen wir all der großen Probleme unserer Zeit Herr werden? Wie kann es zu einer Erneuerung in der Gesellschaft kommen?

Hesekiel in Babylon. Ich habe den Boden ein bisschen beschrieben, auf dem unser Bibelwort steht. In diese Zeit hinein hat der Prophet eine wichtige Botschaft.

Das erste, was er deutlich macht, ist: Wenn man sich nicht wäscht, nützt es auch nur sehr begrenzt etwas, ein neues Hemd anzuziehen. Wenn du im Sommer nach anstrengender körperlicher Arbeit nach Hause kommst oder intensiv Sport getrieben hast, dann wirst du dich in der Regel erst waschen, bevor du dir frische Sachen anziehst. Der Prophet macht deutlich – das ist der Satz vor unserem Vers: Es gibt keine Erneuerung, es gibt keinen Weg in die Zukunft ohne Bereinigung des Alten. Jeder Neuanfang beginnt mit der Bereinigung des Alten. Und dann macht der Prophet deutlich: Da ist aber so viel, dass es die Menschen gar nicht selber bereinigen können. Sie können sich gar nicht selber derart reinigen von all ihrer Schuld, dass das reichen würde. Und jetzt ist es Gott selber, der sagt: Ich werde das tun. Ich werde das tun. Ich werde euch rein machen. Das ist die Voraussetzung für eine Erneuerung und einen neuen Anfang.

Unwillkürlich muss ich an die Geschichte von der Fußwaschung im Neuen Testament denken. Jesus, der Meister, will seinen Schülern die Füße waschen. So etwas tun normalerweise die Diener oder Sklaven. Petrus verweigert sich: Das geht doch nicht. Du, Jesus, kannst mir doch nicht die Füße waschen. Was antwortet Jesus ihm? ´Wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.` Ohne die Reinigung, die Gott selber vollzieht, gibt es keine Erneuerung und keinen neuen Anfang. Jeder Neuanfang beginnt mit der Reinigung vom Altem.

Das ist ein wichtiges Vorzeichen vor unserem Text. Ohne dieses Vorzeichen hinge unser Vers in der Luft, ihm würde der Boden unter den Füßen fehlen. Erst jetzt kann die große Verheißung kommen:

Und ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Das ist also der zweite Schritt. Erst sorgt Gott für die Reinigung. Und dann schenkt er ein neues Herz und einen neuen Geist.

Ein ganz entscheidender Impuls, der mit dieser Verheißung einhergeht, lautet: Erneuerung beginnt im Inneren. Sie wächst von innen nach außen. Erneuerung beginnt nicht damit, dass ich die Fassade renoviere und dahinter bleibt alles beim Alten. Erneuerung geschieht nicht durch Programme und Projekte. Sie beginnt im Zentrum des Menschen, in seinem Herzen. Und wir müssen wissen: Wenn die Bibel vom Herzen spricht, dann meint sie damit nicht nur die Gefühlswelt, die wir heute meist mit dem Herzen verbinden. Das Herz ist die Mitte, das Zentrum des Menschen, sozusagen seine Schaltzentrale. Hier laufen alle Fäden zusammen. Hier sitzen nicht nur die Gefühle, hier sitzen auch die Gedanken und das Denken. Hier sitzt der Wille und hier werden Entscheidungen getroffen. Das Herz, das ist all das, was mich ausmacht und in meinem Inneren leitet. Die Mitte meiner Persönlichkeit.

Und jetzt macht das Bibelwort deutlich: Für Erneuerung braucht es nicht nur ein paar äußere Maßnahmen. Es braucht neue Herzen! Wenn du in einer schwierigen Beziehung einen neuen Anfang machen willst, dann braucht es nicht nur eine neue Frisur. Dann muss im Herzen etwas passieren. Und wenn diese Erneuerung des Herzens fehlt, dann kann man lauter neue Regeln aufstellen oder Gesetze erlassen, dann kann man ein Programm nach dem anderen auflegen und eine Strukturdebatte nach der anderen führen, aber es wird letztlich unfruchtbar bleiben, wenn da nicht Menschen mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist sind. Ein neues Herz. Immer wieder spricht die Bibel davon und macht deutlich: Das alte Herz, das ist das Herz mit den schlechten Gedanken über den anderen. Das ist das Herz, das ganz bei sich bleibt und auf sich bezogen ist. Rechthaberisch und geringschätzend. Das alte Herz, so sagt es die Bibel, ist ein Herz aus Stein. Es lebt nicht wirklich. Von ihm geht keine Liebe aus. Es braucht ein neues Herz. Ein Herz, in dem all die Eigenschaften sichtbar werden, die der Heilige Geist schenkt und wachsen lässt. Deshalb gehören das neue Herz und der neue Geist zusammen.

1967 ist zum ersten Mal einem Arzt eine Herztransplantation gelungen. Seither wurde diese Operation immer wieder durchgeführt. Aber ein noch so begabter Herzchirurg kann das nicht, wovon unser Text spricht, wenn er von einem neuen Herzen spricht.

Das kann nur Gott: Ich gebe euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euer Inneres. Und dieser Geist, von dem hier die Rede ist, ist nicht der Intellekt, sondern der Geist Gottes, der für neues Leben steht. Leben, das von Christus durchdrungen ist. Leben, das nach Gott und seinem Willen fragt. Denn das ist das Ziel der Erneuerung – so geht unser Vers nämlich weiter: Dass Gottes Wille wieder geschieht. Dass durch erneuerte, durch neue Menschen Gottes Wille wieder in dieser Welt geschieht: ´Mein Geist in euer Inneres, dass ihr in meinen Satzungen wandelt.` Die Erneuerung ist kein Selbstzweck, sie hat ein Ziel: Dass Menschen von innen heraus nach Gottes Willen leben. Frieden und Versöhnung. Liebe und Güte. Gerechtigkeit. Neutestamentlich gesprochen: Damit Reich Gottes wächst und sichtbar wird.

Von dem Boden all dessen, was wir im letzten Jahr erlebt haben, gehen wir in dieses neue Jahr und erkennen: Diese Welt, in der wir leben, sie kann letztlich nicht durch neue Gesetze verändert werden. Sie kann nur durch neue Menschen verändert werden. Menschen mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist. Erneuerung von innen heraus. Menschen, die sich von Gott haben reinigen lassen. Ein neues Herz und ein neuer Geist.

Liebe Gemeinde, wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Der Boden, auf dem wir stehen, lässt uns vielleicht fragen: Wie wird das alles werden? Wie soll das alles weitergehen? Unsere Jahreslosung gibt es uns mit auf den Weg: Für Erneuerung braucht es neue Herzen und einen neuen Geist, damit sein Reich komme und sein Wille geschehe. Das wird auch in unserer Gesellschaft nicht ohne Spuren bleiben. Beten wir für unser Land, dass das Jubiläumsjahr der Reformation uns in eine neue Reformation hineinführt und viele Menschen erleben werden, wie Gott ihnen ein neues Herz schenkt. Erneuerung für den Einzelnen. Erneuerung für Gemeinden. Erneuerung für unser Land. Ich sehne mich danach. Und du?

Frank Wegen