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Montag, 01. Mai 17 um 00:00 Alter: 204 Tag(e)
Kategorie: Personen der Kirchengeschichte, Aktuelle News
Von: Frank Wegen

Personen der Kirchengeschichte

Thomas Müntzer (1489-1525)

 

 

Zum Reformationsjahr

500 Jahre Reformation – das ist weit mehr als Martin Luther. Die Reformation war ein breiter Strom von Menschen und Bewegungen mit dem Ziel, die Kirche zu erneuern.

Eine der schillernden Persönlichkeiten im reformatorischen Spektrum war Thomas Müntzer (1489-1525). Vielen ist Müntzer vor allem als Bauernführer und Revolutionär bekannt. Diese Wahrnehmung hängt zum einen damit zusammen, dass es in der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte in der DDR eine starke Müntzerrezeption gegeben hat, die Müntzer vor allem zum Sozialrevolutionär hochstilisiert und als Bauernführer zum Vorbild erhoben hat. Müntzer habe sich die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit zur Aufgabe gemacht. Zum anderen kam er entsprechend in der westlichen Wahrnehmung der Reformationsgeschichte nur ganz am Rande vor. Beides wird Thomas Müntzer in keiner Weise gerecht, denn in erster Linie war er – Theologe! Freilich war seine Theologie sehr stark mit seiner Zeit und den Umständen, in denen er lebte, verknüpft. Und anders als bei Luther ist die Theologie Müntzers nicht unabhängig von seiner Person zu denken.

Im Müntzerjahr 1989 haben anlässlich seines 500.Geburtstages umfangreichere Untersuchungen seiner Theologie erstmals eine breitere Öffentlichkeit erreicht, die deutlich zeigen, dass Müntzer nicht aus politischen oder sozialen Erwägungen heraus, sondern vor allem aus seiner theologischen Erkenntnis heraus gehandelt hat.

Durch die nur kurze Zeit seines Wirkens bis zu seinem gewaltsamen Tod während der Bauernkriege sind von Müntzer ganz anders als bei Luther nur wenige Schriften überliefert. Und da Müntzer mit einer starken Naherwartung des Endes aller Dinge lebte, hielt er es auch nicht mehr für notwendig, systematisch geordnete theologische Lehrbücher zu schreiben.

Obwohl Müntzer seine akademische Laufbahn in theologisch sehr konservativen Bahnen begonnen hatte, wird seine Prägung durch apokalyptisches Gedankengut immer stärker. Es nimmt für ihn der Gedanke, in einer endzeitlichen Scheidung zu stehen, immer konkretere Formen an.

Spätestens 1518 macht Müntzer in Wittenberg Bekanntschaft mit Martin Luther. Luther empfiehlt ihn 1520 nach Zwickau, wo er der Reformation zum Durchbruch verhelfen sollte.  Für eine kurze Zeit wurde Müntzer zu einem Weggefährten Luthers.  Die Kritik an den Missständen der herrschenden Kirche und der unbedingte Wille, Veränderungen herbeizuführen, einte die beiden. Aber schon sehr bald ist Müntzer eigene Wege gegangen und wurde später von Luther als der ´Teufel von Allstedt` bezeichnet. (Luther hat mit Vorliebe Menschen, die anders dachten als er, als Teufel bezeichnet …)

Im Mittelpunkt von Müntzers Theologie stand der Begriff des Reiches Gottes. Reich Gottes bedeutete für ihn gesellschaftliche Transformation. Die Herrschaft Christi solle aufgerichtet werden, indem es zu einer großen Scheidung von Auserwählten und Gottlosen kommen würde. Müntzer hatte ein großes Sendungsbewusstsein: Er, Müntzer, spielte in dieser Scheidung eine zentrale Rolle.

Müntzer will den Kern der neuen Kirche sammeln. Als er 1523 Pfarrer in Allstedt wird, beginnt er den Gottesdienst zu erneuern, indem er alle lateinischen Texte in die Sprache des Volkes überträgt. Die Deutsche Messe von Thomas Müntzer war die erste Messliturgie in deutscher Sprache überhaupt (noch vor Martin Luther!). Nach Abschluss seiner Gottesdienstreform widmet er sich ganz der großen Scheidung. Eine immer wichtigere Rolle nimmt dabei für ihn der Heilige Geist ein. Gegen Luther formuliert er, dass der Geist über der Schrift stehe. Träume, Visionen und Offenbarungen werden zentral.

Zunächst will Müntzer die Obrigkeit dafür gewinnen, dem Reich Gottes und seinen Auserwählten nun zum Durchbruch zu verhelfen. Würden sie ihre Verantwortung allerdings nicht wahrnehmen, müsse das Schwert dem Volk übergeben werden: Die Zeit der Ernte ist da! Während Luther die weltlichen Rechte der Fürsten stets unangetastet sehen möchte, fordert Müntzer ihre Absetzung, wenn sie Gottes Weisungen nicht folgen.

Erwartungsgemäß haben sich die Fürsten dem Anliegen Müntzers verweigert. Auch Luther geht inzwischen massiv gegen Müntzer vor.

Thomas Müntzer mit dem Hammer – so stellt Müntzer sich selber in Anspielung auf ein Jeremiawort mittlerweile vor. Er versteht sich als der endzeitliche Prophet, der mit dem Wort Gottes den falschen Glauben zerschmettert. Neben seinem Verkündigungsauftrag sieht er sich  auch als apokalyptischen Engel Gottes, der mit scharfer Sichel das Unkraut vom Weizen zu scheiden hat.

Als sich zunächst in Süddeutschland und dann auch in Thüringen die Bauern organisieren, um gegen die sozialen Missstände vorzugehen,  und es zu ersten Unruhen kam, wähnt Müntzer in den Bauern das Werkzeug Gottes zur Scheidung von Auserwählten und Gottlosen. Er hat damit völlig verkannt, dass die Bauern andere Ziele verfolgten als er. Als sich in der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 ein Regenbogen am Himmel zeigt, sind sich Müntzer und die Aufständischen ob dieses vermeintlichen Zeichens Gottes des Sieges gewiss. Sechstausend Aufständische finden den Tod, während die Fürsten nur den Verlust von sechs Knechten zu beklagen hatten. Müntzer selbst wird festgenommen und wenige Tage später durch Köpfen hingerichtet. Auf einen Spieß gesteckt wird sein Kopf zur Schau gestellt als Mahnung an alle, die immer noch an Aufruhr dachten.

Entgegen der landläufigen Rezeption war Müntzers Kernanliegen nicht primär die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit, sondern die Scheidung von Auserwählten und Gottlosen, an deren Ende die innerweltliche Verwirklichung des Reiches Gottes stehen sollte. Was letztlich am Ende stand, war eine Katastrophe.

Frank Wegen

 

Quellen/Literatur:

Von Michael Sander - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=802287


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